Gott nimmt das, was da ist. Examenspredigt zu Lk 5,1-11

Fischernetze
Bildrechte: Manuel Sardo on Unsplash

Gott nimmt das, was da ist. Examenspredigt zu Lk 5,1-11 von Vikarin Natalie Schreiber

(gehalten am 5. Sonntag nach Trinitatis in der Johanneskirche)

Liebe Gemeinde,

kommen Sie mit mir mit an den See Genezareth. Schauen sie mit, was ich sehe, vor meinem inneren Auge:

Der See liegt vor mir wie eine Modelleisenbahnlandschaft. Und ich schau von oben drauf, was alles da ist.

Nicht viel. Kleine Wellen, die ans Ufer spülen. Die Morgensonne, die sich im Wasser bricht. Ein Glitzern, mit kleinen Schaumkronen.

In dieser Modelleisenbahnlandschaft spielt die Geschichte aus dem Lukasevangelium und sie beginnt so:

Es begab sich aber, als sich die Menge zu [Jesus] drängte, zu hören das Wort Gottes, da stand er am See Genezareth.

Da ist also der Schaumkronenglitzersee, Jesus und Menschen. Wie Ameisen seh ich sie von oben. Viele Ameisen, die auf den See zulaufen und Jesus geradezu umzingeln.

Da ist noch mehr. Ein paar andere Menschen, ein wenig abseits.

Ich schau genauer hin. Die wollen nicht hin zum See, die wollen weg. Nach Hause, was essen erst, dann die Augen zumachen.

Ich schau noch genauer hin, geh auf Augenhöhe rein ins Bild. Es sind Fischer. Mit Booten und Netzen. Der Feierabend beginnt für sie erst am Morgen. Gleich ist Schluss für heute. Sie waschen ihre Arbeitsgeräte im Schaumkronenglitzersee. Besehen die Maschen an ihren Netzen. Flicken Gerissenes mit Garn. Wischen die Boote durch. Noch die Ruder verstauen, die Knoten prüfen. Bald geht’s heimwärts.

Simon ist der eine. Dem sitzt die Nacht in den Knochen. Er hat nichts gefangen. Und wenn man nichts fängt, dann wirft man die Netze öfter aus. Ein ums andere Mal: auswerfen, warten, hochziehen. Schon beim Einholen den Frust verdauen, dass das Netz zu leicht ist. Weiter rudern. Wieder auswerfen, warten, hochziehen… und wieder von vorn. Die ganze Nacht, bis zur Morgensonne.

Ich stelle mir vor: Simon tun die Schultern weh. Tun weh vom Auswerfen und Einholen der leeren Netze.

Liebe Gemeinde,

ich sehe Simons leere Netze.Und ich denke an Anderes, was in den letzten Monaten bei uns oft leer war.

Ich denke an leere Schulhöfe. An die leere Johanneskirche am Sonntagmorgen, die leeren Kirchenkaffetassen, einsam auf dem Tablett in der Sakristei. Denke an das leere Konto meiner Freundin, die selbstständig ist. Meinen leeren Terminkalender.

Ich sehe Simons leere Netze und denke daran, wie leer es manchmal in meinem Kopf gewesen ist: wie soll das jetzt gehn? Vikarin sein? Gemeinde sein? Kirche sein? Ohne die gewohnten Weisen, miteinander zu arbeiten und zu leben. Wenn das alles weg ist, was ist denn dann noch da? Leer ist nicht viel.

Da stieg Jesus in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und Jesus setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus.

Was ist da, am See Genezareth?

Ein Boot, ein Fischer, leere Netze. Nicht viel.

Gerade recht für Jesus.

Er nimmt, was da ist. Steigt in Simons Boot. Lässt sich rausfahren. Nimmt das Fischerboot und macht daraus eine Kanzel. Und Simon gerät mitten in die Geschichte rein. Mit seinen schmerzenden Schultern und seiner Enttäuschung, seinen leeren Netzen. Der eigentlich einfach nur heim wollte.

Und als Jesus aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus!

Liebe Gemeinde,

Ein Boot, ein Fischer, leere Netze und die Morgensonne. Das ist da.

Und Simon liegt es auf der Zunge: da kann nichts draus werden. Am hellichten Tag, zur Unzeit. Jetzt geht aber doch nichts mehr, weiß er mit seiner lebenslangen Berufserfahrung. „Des hammer fei noch nie so gmachd.“ Und überhaupt. Noch weiter raus? Das ist die falsche Richtung. Heimwärts geht’s da lang.

Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen.

Auf dein Wort hin, sagt Simon zu Jesus. Will ich die Netze auswerfen. Da kann eigentlich nichts draus werden. Aber weil du es sagst.

Simon verlässt seine Fischgründe. Fährt nicht heim, fährt in die entgegengesetzte Richtung und macht einfach.

Ich seh Simon, wie er hinausrudert ins Tiefe, ins unsichere Gewässer, zur absoluten Unzeit.Wie er etwas macht, wo er nicht auf seine Erfahrung zurückgreifen kann. Wo eigentlich nichts draus werden kann.

Und ich denk an…

verwackelte Videogottesdienste im Internet, an eLearning und Homeschooling mit dem Wenigen, das zur Hause zur Verfügung steht. Ich denk an Großeltern, die versuchen, auf ihrem PC Skype zu installieren, um mit den Enkelkindern in Kontakt zu bleiben. Ich denk an die Nachbarin, die nach zwei Jahrzehnten ihre verstaubte Klarinette vom Dachboden holt, um mit den anderen vom Balkon zu musizieren.

Ich seh Simon, wie er hinausrudert ins Tiefe. Und ich denk an mein Gefühl im Lockdown, mit unserer leeren Kirche und meinem leeren Kopf. Wie Fischen im Trüben. Da kann doch nichts draus werden, wenn ich nicht auf meine Erfahrung vertrauen kann und wenn mir alles weh tut und ich einfach nur heim will, dorthin, wo ich mich auskenn. Da kann doch nichts draus werden, jetzt, wo wir wieder Gottesdienst feiern dürfen. Ohne vollen Gesang und ohne Kirchenkaffee, mit Platznummern und Schutzmaske.

Aber: Auf dein Wort hin, sagt Simon. Gegen meine Erfahrung, aber auf dein Wort hin. Auch wenn ich denke, dass nicht genug da ist, damit was draus werden kann. Ich gebs aus der Hand und legs in deine.

Auf deine Verantwortung, Gott.

Ja, mit Gottes Hilfe.

Liebe Gemeinde,

Wenn ich denk, das reicht nicht. Da ist nicht genug da. Die Netze sind leer, die Kraft reicht nicht aus, der Zeitpunkt ist falsch, die Richtung auch. Dann zu vertrauen, dass was draus wird. Das finde ich schwer. Da krieg ich auch Angst. Wenn mir bewusst wird, so richtig bewusst: das liegt nicht in meiner Hand. Da kann ich mir nichts mehr vormachen. Da liegts dann offen vor mir, was ich alles nicht bin und was ich nicht habe und wie ohnmächtig ich eigentlich bin. Und Simon sagt: auf dein Wort hin. Und wirft die Netze trotzdem aus.

Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen. Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und ihnen ziehen helfen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken. Da Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die mit ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten, ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen. Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.

Ich seh Simon, wie er die Netze auswirft.

Und zieh mich zurück mit meinem Blick.

Schau wieder von oben auf die Modelleisenbahnlandschaft. Seh von dort, wie die Fische wuseln in den Netzen unter der Wasseroberfläche und zappeln und schillern, als sie rausgezogen werden aus dem Schaumkronenglitzersee.

Ich schau auf Simon und seh: einen Fischer, ein Boot, ein Netz. Und Jesus.

Und ich denk mir: Gott nimmt das, was da ist.

Den Fischer Simon und sein Boot.

Die junge Frau Maria.

Den Klumpen Erde im Garten Eden.

Euch und Sie und mich.

Das, was ich im Alltag bin und habe. Leere Netze. Schmerzende Schultern. Heimweh.

Gott nimmt das, was da ist. Eine Gemeinde, die sich nicht versammeln kann. Einen Gottesdienst, in dem wir nur summen können. Eine Kirche, die neue Formen finden muss, Kirche zu sein. Die sich traut, ins Tiefe hinauszufahren.

Über Gott hör ich, dass er die Netze vollmacht. Und nicht drauf schaut, was ich nicht habe oder nicht bin. Er nimmt, was da ist und spricht:

fürchte dich nicht, ich mach was draus.

Worauf du dich verlassen kannst.

[zum Anhören:]

von Vikarin Natalie Schreiber, Juli 2020